Die Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie in der Sowjetunion ist geprägt von technischem Ehrgeiz und einer tief verwurzelten Geheimhaltungskultur. Ein zentrales und lange Zeit verschwiegenes Kapitel dieser Geschichte stellt das Kernkraftwerk Leningrad dar. Es befindet sich in der Stadt Sosnowy Bor etwa siebzig Kilometer westlich von Sankt Petersburg, das früher Leningrad hieß. In dieser Anlage ereignete sich am 6. Februar 1974 ein folgenschwerer Unfall der als eines der ersten Warnsignale für die strukturellen Defizite des sowjetischen Reaktordesigns gewertet werden muss. Der Unfall forderte Menschenleben und führte zur Freisetzung von Radioaktivität. Dennoch blieb eine breite öffentliche Aufarbeitung für Jahrzehnte aus. Dieser Artikel analysiert das Ereignis im Detail und ordnet es in den größeren Kontext der nuklearen Sicherheit und der sowjetischen Energiepolitik ein.
Die strategische Entwicklung des RBMK-Reaktors
Um den Unfall von 1974 zu verstehen ist ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Kraftwerks notwendig. Das Kernkraftwerk Leningrad wurde als Prototyp für den RBMK-1000 konzipiert. Die Abkürzung RBMK steht für Reaktor Bolschoi Moschnosti Kanalny was übersetzt Hochleistungs-Reaktor mit Kanälen bedeutet. Die sowjetische Führung unter Leonid Breschnew suchte nach einer Möglichkeit, den enormen Energiebedarf der Industrie schnell und kostengünstig zu decken. Die Wahl fiel auf den RBMK, da dieser Reaktor auf bewährten militärischen Designs zur Plutoniumproduktion basierte.
Ein entscheidender Vorteil des RBMK aus Sicht der Planer war seine modulare Bauweise. Er benötigte keinen massiven Stahldruckbehälter wie westliche Leichtwasserreaktoren oder der sowjetische VVER-Typ. Solche Druckbehälter waren in der Herstellung extrem aufwendig und die sowjetische Schwerindustrie konnte sie nur in begrenzter Stückzahl produzieren. Der RBMK hingegen konnte direkt am Standort aus einzelnen Komponenten zusammengebaut werden. Dies ermöglichte den Bau von Reaktoren mit einer elektrischen Leistung von 1000 Megawatt und mehr.
Die Konstruktion des ersten Blocks in Leningrad begann am 1. März 1970. Die Geschwindigkeit des Aufbaus war beeindruckend aber sie ging zu Lasten der gründlichen Sicherheitsprüfung. Bereits im Dezember 1973 wurde der Reaktor erstmals mit dem Stromnetz verbunden. Der Unfall im Februar 1974 ereignete sich somit in der kritischen Phase des ersten Betriebsjahres.
Technische Spezifikationen des Standorts Leningrad
Das Kernkraftwerk Leningrad war als massives Energiezentrum geplant. Die Architektur der Anlage folgte dem Prinzip der Doppelblöcke. Dabei teilen sich zwei Reaktoren bestimmte Hilfssysteme und Gebäude.
Eckdaten der Reaktorblöcke der ersten Generation
| Parameter | Spezifikation Leningrad Block 1 | Spezifikation Leningrad Block 2 |
| Reaktortyp | RBMK-1000 | RBMK-1000 |
| Baubeginn | 1. März 1970 | 1. Juni 1970 |
| Netzsynchronisation | 21. Dezember 1973 | 11. Juli 1975 |
| Kommerzieller Betrieb | 1. November 1974 | 11. Februar 1976 |
| Thermische Leistung | 3200 MW | 3200 MW |
| Elektrische Leistung (Netto) | 925 MW | 925 MW |
Diese Daten verdeutlichen dass der Unfall am 6. Februar 1974 zu einem Zeitpunkt geschah, als Block 1 sich noch im Testbetrieb oder im frühen kommerziellen Hochlauf befand. Die technischen Kinderkrankheiten des Systems trafen auf eine unerfahrene Bedienmannschaft, die unter dem Druck stand, die staatlichen Planziele zu erreichen.
Der Unfallmechanismus vom 6. Februar 1974
Am 6. Februar 1974 kam es im Block 1 des Kernkraftwerks zu einem massiven Versagen im Bereich des Zwischenkreislaufs. Die zentrale Komponente, die bei diesem Vorfall versagte, war ein Wärmetauscher. Da der RBMK-Reaktor als Siedewasserreaktor im Einkreissystem arbeitet, dient dieser Wärmetauscher nicht der Dampferzeugung für die Turbinen. Er war stattdessen Teil eines Hilfssystems zur Kühlung und Reinigung des Reaktorwassers.
Ursache für den Bruch war die Bildung von siedendem Wasser an Stellen an denen dies nicht vorgesehen war. Wenn Wasser schlagartig verdampft dehnt es sich massiv aus. Dies führt zu einem plötzlichen Druckanstieg, der als Wasserschlag bezeichnet wird. Die mechanischen Spannungen überstiegen die Belastungsgrenze des Metalls und das Gehäuse des Wärmetauschers brach auf.
Infolge dieses Bruchs kam es zu einer doppelten Katastrophe. Erstens trat siedendes Wasser mit enormer Energie aus den Rohrleitungen aus. Zweitens wurde hochradioaktives Wasser aus dem Primärkreislauf freigesetzt. Dieses Wasser war mit Spaltprodukten aus dem Reaktorkern kontaminiert. Besonders problematisch war der Austritt von radioaktivem Filterschlamm. Diese Schlämme sammeln sich in den Reinigungssystemen der Anlage an und enthalten hochkonzentrierte radioaktive Isotope.
Die menschlichen Verluste und die unmittelbaren Folgen
Der Unfall forderte das Leben von drei Mitarbeitern. Sie befanden sich zum Zeitpunkt des Rohrbruchs in der Nähe des Wärmetauschers und wurden von dem austretenden siedenden Wasser getroffen. Die Todesursache waren schwerste Verbrühungen und die Auswirkungen des hohen Drucks. In der offiziellen Berichterstattung der Sowjetunion tauchten diese Opfer nicht auf. Die Geheimhaltung galt als oberstes Gebot um den Ruf der modernen Technik nicht zu gefährden.
Die radioaktive Freisetzung betraf nicht nur das Innere des Kraftwerks. Kontaminiertes Wasser und Dampf gelangten in die Umwelt. Die Einstufung auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) liegt für diesen Vorfall bei Stufe 4 bis 5. Eine Einstufung in INES 4 bedeutet einen Unfall mit lokalen Folgen während INES 5 bereits einen Unfall mit weitreichenden Folgen kennzeichnet. Dass dieser Vorfall so hoch eingestuft wird unterstreicht die Schwere der Freisetzung von Radioaktivität.
Analyse der Radioaktivität
Bei dem Unfall im Februar 1974 gelangten Isotope wie Jod-131 und Cäsium-137 in die Umgebung. Jod-131 hat eine Halbwertszeit von etwa acht Tagen und reichert sich in der Schilddrüse an. Cäsium-137 hingegen bleibt über Jahrzehnte in der Umwelt aktiv. Der Filterschlamm, der zusammen mit dem Wasser austrat, enthielt zudem langlebige Transurane und Aktivierungsprodukte aus der Reinigung des Kühlwassers.
Ein weiterer physikalischer Aspekt ist die thermische Energie des Wassers. Die spezifische Enthalpie von gesättigtem Dampf bei hohem Druck ist wesentlich höher als die von flüssigem Wasser. Wenn ein Rohr bricht wandelt sich diese Energie schlagartig in mechanische Arbeit und Hitze um. Dies erklärt, warum die Arbeiter keine Chance hatten den Bereich rechtzeitig zu verlassen.
Die Kultur der Geheimhaltung im Ministerium für mittleren Maschinenbau
Das Kernkraftwerk Leningrad unterstand nicht dem Energieministerium. Es wurde vom Ministerium für mittleren Maschinenbau kontrolliert. Dieser Name war eine Tarnbezeichnung für die sowjetische Atombehörde, die sowohl für militärische als auch für zivile Nuklearprojekte zuständig war. Diese Behörde agierte unter extrem hoher Geheimhaltung.
Der Unfall vom 6. Februar 1974 wurde systematisch vertuscht. Die Mitarbeiter mussten Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen. Informationen über die technischen Ursachen wurden nicht an andere Kraftwerke weitergegeben. Dies verhinderte einen wichtigen Lernprozess. Wenn Techniker in anderen Anlagen von den Problemen mit den Wärmetauschern in Leningrad gewusst hätten, dann hätten sie vielleicht Sicherheitsvorkehrungen treffen können. Stattdessen wurde die Illusion der Perfektion aufrechterhalten.
Widersprüche in der Datierung und historische Unklarheiten
In der Literatur und in Online-Quellen herrscht eine gegenwärtige Verwirrung über die genauen Daten der Unfälle in Leningrad. Einige Berichte nennen den 7. Januar 1974 als Datum einer Explosion eines Gasbehälters. In diesem Fall soll ein mit radioaktiven Gasen gefüllter Betonbehälter im Block 1 explodiert sein. Auch hierbei werden teilweise drei Todesopfer erwähnt.
Andere Quellen legen den Bruch des Wärmetauschers auf den 6. Februar 1975. Diese Abweichungen von einem Jahr sind typisch für die Aufarbeitung sowjetischer Vorfälle. Da es keine zeitgenössische freie Presse gab basieren viele heutige Informationen auf den Berichten von Whistleblowern oder später freigegebenen Dokumenten. Die Liste der Unfälle in kerntechnischen Anlagen auf Wikipedia führt den Vorfall jedoch explizit für den 6. Februar 1974 auf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in der frühen Phase von Leningrad 1 mehrere schwere Störungen kurz hintereinander auftraten, die in der späteren Geschichtsschreibung teilweise vermischt wurden.
Diese Häufung von Zwischenfällen zeigt, dass der RBMK-1000 in seiner ursprünglichen Form ein hochgradig unzuverlässiges System war. Die Techniker kämpften mit einer Anlage, deren physikalische Eigenschaften sie nicht vollständig beherrschten.
Die physikalischen Instabilitäten des RBMK-Typs
Ein zentrales Problem des RBMK-Reaktors ist der positive Dampfblasenkoeffizient. Bei den meisten Reaktoren führt eine Zunahme von Dampfblasen im Kühlwasser zu einer Verringerung der Reaktivität. Das Wasser dient dort als Moderator der die Neutronen abbremst. Fehlt das Wasser bricht die Kettenreaktion ab.
Beim RBMK hingegen dient Graphit als Moderator. Das Wasser im Reaktor absorbiert jedoch auch Neutronen. Wenn das Wasser verdampft, fehlen diese Absorber. Die Neutronen dringen ungehindert zum Graphit vor und die Reaktivität steigt an. Dies führt zu mehr Hitze was wiederum mehr Wasser verdampfen lässt. Es entsteht eine positive Rückkopplung die den Reaktor bei bestimmten Leistungsstufen schwer kontrollierbar macht. Man spricht hierbei von einer tief im technischen Design verwurzelten Instabilität der Thermohydraulik.
Die Rolle des Graphitmoderators
Der Graphit im RBMK-Reaktor ist eine massive Struktur die aus tausenden Blöcken besteht. Diese Blöcke haben Bohrungen für die Druckröhren. Im Laufe des Betriebs dehnt sich der Graphit durch die Bestrahlung aus und verformt sich. Dies führte in Leningrad immer wieder zu Problemen da sich die Brennstäbe in den verbogenen Kanälen verklemmten. Diese mechanischen Spannungen könnten auch indirekt zu Vibrationen und Materialermüdung in den angeschlossenen Rohrleitungssystemen beigetragen haben.
Über den RBMK-Reaktor werde ich hier demnächst einen ausführlicheren Beitrag veröffentlichen.
Die Umweltbelastung in der Region Sosnowy Bor
Die Umgebung des Kernkraftwerks Leningrad leidet bis heute unter den Folgen der frühen Unfälle. Der Kiefernwald, der das Kraftwerk umschließt, wird in wissenschaftlichen Berichten als verseucht eingestuft. Die Freisetzungen von 1974 verteilten Radionuklide über weite Flächen. Da die Ostsee direkt an das Kraftwerk grenzt, gelangten radioaktive Abwässer auch in das Meerwasser.
Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass die Bewohner der nahegelegenen Stadt Sosnowy Bor und der Millionenstadt Leningrad nie offiziell gewarnt wurden. Während Radioaktivität austrat, hielten die Behörden an der Version fest, dass alles unter Kontrolle sei.
Das Verschweigen der Todesopfer
Der Tod der drei Arbeiter am 6. Februar 1974 ist ein Beispiel für den geringen Stellenwert des Individuums in der sowjetischen Nuklearstrategie. In den Berichten von Grigori Medwedew, der später das berühmte Buch Chernobyl Notebook schrieb, werden diese frühen Unfälle als mahnende Beispiele angeführt. Medwedew war selbst Ingenieur im sowjetischen Atomprogramm und kannte die internen Berichte.
Er beschrieb wie die Leitung des Kraftwerks Leningrad versuchte, die Unfälle vor den Aufsichtsbehörden in Moskau geheim zu halten, um ihre Prämien nicht zu gefährden. Diese Korruption und der Mangel an Sicherheitskultur zogen sich durch alle Ebenen. Ein Arbeiter der 1974 in der Dampfwolke eines berstenden Wärmetauschers starb, war in der Logik des Systems lediglich ein statistisches Rauschen auf dem Weg zum Fortschritt.
Technische Nachrüstungen und ihre Grenzen
Nach den schweren Vorfällen der Mitte der 1970er Jahre wurden am RBMK-Design einige Änderungen vorgenommen. Man installierte mehr Steuerstäbe und erhöhte die Anreicherung des Urans auf 2,4 %. Durch diese höhere Anreicherung konnte man mehr zusätzliche Absorber im Kern belassen was die Stabilität verbesserte.
Dennoch blieb das Grundproblem bestehen. Der Reaktor verfügte weiterhin über kein Containment. Ein Containment ist eine massive Hülle aus Stahlbeton die bei einem Unfall radioaktive Stoffe zurückhält. Die RBMK-Reaktoren in Leningrad besaßen lediglich einen biologischen Schild und ein System von Wasserkammern das kleinere Leckagen auffangen sollte. Bei einem massiven Rohrbruch wie im Februar 1974 war dieses System jedoch überfordert. Die radioaktiven Gase und Dämpfe wurden über den 125 Meter hohen Abluftkamin direkt in die Atmosphäre geleitet.
Der Vergleich mit internationalen Sicherheitsstandards
In den 1970er Jahren entwickelten westliche Länder wie die USA oder die Bundesrepublik Deutschland strenge Sicherheitsauflagen für Kernkraftwerke. Das Konzept der Verteidigung in der Tiefe sah mehrere Barrieren vor. In Leningrad hingegen verließ man sich auf die Zuverlässigkeit der einzelnen Druckröhren. Man argumentierte, dass der Bruch eines einzelnen Kanals keine Auswirkungen auf den Rest des Reaktors hätte.
Der Unfall vom 6. Februar 1974 bewies jedoch dass ein Versagen im Sekundärsystem tödliche Folgen haben kann ohne dass der Reaktorkern selbst direkt zerstört wird. Die Trennung zwischen nuklearem und konventionellem Teil der Anlage war in der Praxis weniger sicher als in der Theorie. Die Freisetzung von radioaktivem Filterschlamm zeigte zudem dass auch die Hilfssysteme eine erhebliche Gefahr darstellten.
Die Rolle von Sosnowy Bor in der heutigen Zeit
Heute ist das Kernkraftwerk Leningrad immer noch in Betrieb allerdings wurden die alten RBMK-Blöcke mittlerweile teilweise abgeschaltet. Der erste Block wurde am 21. Dezember 2018 nach 45 Jahren Betrieb endgültig vom Netz genommen. Block 2 folgte im November 2020. An ihre Stelle treten moderne Reaktoren vom Typ VVER-1200 die über ein echtes Containment und passive Sicherheitssysteme verfügen.
Die Dekontamination der alten Gebäude wird Jahrzehnte dauern. Die Hinterlassenschaften der Unfälle von 1974 erschweren diese Arbeiten. In den Fundamenten und Rohrleitungen von Block 1 finden sich immer noch Stellen mit erhöhter Strahlung die auf die frühen Leckagen zurückzuführen sind.
Die Bedeutung des Unfalls für die nukleare Risikobewertung
Der Unfall vom 6. Februar 1974 mahnt uns dass technisches Versagen oft eine soziale Komponente hat. Die Kombination aus mangelhafter Materialqualität und einer Kultur der Angst führte in Leningrad zur Katastrophe. Die drei Arbeiter, die ihr Leben ließen sind Opfer eines Systems das Kritik als Verrat ansah.
In der Risikoforschung nutzt man solche Ereignisse um Fehlerbäume zu erstellen. Ein Fehlerbaum analysiert wie kleine Störungen zu einem großen Unfall führen können. In Leningrad war es der Wasserschlag im Wärmetauscher. Hätte man damals die richtigen Schlüsse gezogen, hätte man die Konstruktion der RBMK-Anlagen grundlegend infrage stellen müssen. Doch die Gier nach Energie und die politische Rivalität mit dem Westen ließen keinen Raum für Zweifel.
Vergleich der INES-Stufen für bekannte Unfälle
| Ereignis | Jahr | Ort | INES-Stufe |
| Bruch Wärmetauscher | 1974 | Leningrad, UdSSR | 4-5 |
| Three Mile Island | 1979 | USA | 5 |
| Tschernobyl | 1986 | UdSSR (Ukraine) | 7 |
| Fukushima | 2011 | Japan | 7 |
Dieser Vergleich zeigt dass Leningrad bereits 1974 Unfälle verzeichnete die in ihrer Schwere mit dem bekannten Vorfall von Three Mile Island in den USA vergleichbar waren. Während der amerikanische Unfall zu weltweiten Protesten und einer Umkehr in der Atompolitik führte, blieb Leningrad ein dunkles Geheimnis hinter dem Eisernen Vorhang.
Kritische Reflexion der sowjetischen Energiepläne
Die Sowjetunion wollte bis zum Jahr 2000 hunderte RBMK-Reaktoren bauen. Diese Pläne basierten auf der Annahme dass die Kernkraft die billigste und sicherste Energiequelle sei. Der Unfall in Leningrad 1974 war ein deutlicher Hinweis darauf dass diese Rechnung nicht aufging. Die Kosten für die Instandhaltung und die Beseitigung der Unfallfolgen waren enorm. Da diese Kosten jedoch vom Staat getragen wurden und nicht in den Bilanzen der Kraftwerke auftauchten konnte man die Illusion der Wirtschaftlichkeit aufrechterhalten.
Die kritische Sicht auf diese Zeit offenbart einen tiefen Zynismus. Die Führung wusste um die Gefahren. Interne Berichte der KGB-Abteilung für Atomenergie warnten bereits Ende der 1970er Jahre vor den Mängeln am Standort Leningrad. Diese Warnungen wurden als Einmischung in die Angelegenheiten der Wissenschaftler abgetan. Der Erfolg der sozialistischen Industrie durfte nicht durch Bedenkenträger gefährdet werden.
Die Rolle von Anatoli Alexandrow und Nikolai Dolleschal
Anatoli Alexandrow und Nikolai Dolleschal waren die Väter des RBMK-Reaktors. Sie waren einflussreiche Persönlichkeiten in der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Alexandrow war bekannt für seine Behauptung dass man einen RBMK-Reaktor sicher auf dem Roten Platz in Moskau betreiben könne. Diese Arroganz der Experten trug dazu bei dass Warnsignale wie der Unfall von 1974 ignoriert wurden.
Nach dem Unfall im Februar 1974 wurde die Schuld auf die mangelhafte Ausführung der Komponenten im Werk geschoben. Die Konstrukteure wuschen ihre Hände in Unschuld. Es war immer einfacher einem unbekannten Schweißer oder einem Materialprüfer die Schuld zu geben als zuzugeben dass das gesamte Konzept des Reaktors fehlerhaft war. Diese Verschiebung der Verantwortung verhinderte jede echte Verbesserung der Sicherheit.
Fazit
Der Unfall im Kernkraftwerk Leningrad am 6. Februar 1974 ist mehr als nur eine technische Fußnote der Geschichte. Er ist ein Symbol für die Gefahren einer Technologie, die ohne demokratische Kontrolle und ohne transparente Sicherheitskultur betrieben wird. Die drei Todesopfer und die radioaktive Verseuchung der Umgebung sind der Preis für eine Energiepolitik die den Fortschritt über das menschliche Leben stellte.
Heute blicken wir auf dieses Ereignis zurück und erkennen die Muster, die später zur Katastrophe von Tschernobyl führten. Die mangelhafte Kommunikation zwischen den Kraftwerken und die Weigerung aus Fehlern zu lernen, waren die wahren Ursachen für die nuklearen Krisen der Sowjetunion. Die Geschichte von Leningrad lehrt uns, dass wir technischen Systemen niemals blind vertrauen dürfen. Eine kritische Öffentlichkeit und unabhängige Kontrollinstanzen sind der einzige Schutz gegen die Wiederholung solcher Tragödien.
Der Standort Leningrad bleibt ein Denkmal für diesen Kampf zwischen wissenschaftlichem Ehrgeiz und menschlicher Verantwortung. Doch die radioaktiven Spuren im Boden von Sosnowy Bor werden noch Generationen nach uns an den Tag erinnern, an dem siedendes Wasser und ein gebrochener Wärmetauscher das Leben von drei Menschen beendeten und die Welt ein Stück gefährlicher machten.
Bild: Von RIA Novosti archive, image 305005 / Alexey Danichev / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16786687
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