Was passierte in Tschernobyl?

Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Serie, die sich mit Atomunfällen befasst. Die Artikel werden jeweis zum Jahrestag erscheinen.

Die Katastrophe in Tschnobyl ist wahrscheinlich der Unfall in einer Nuklearanlage, der am bekanntesten ist. Damit wurde den meisten klar, dass die Nutzung der Kernenergie gefährlich ist. Das Ereignis war der Beginn des Ausstiegs aus der Kernenergienutzung.

Es lohnt sich, einmal einen näheren Blick auf die Katastrophe zu werfen. Bei Unfällen im Bereich der Kernenergie spielen die folgenden drei Faktoren in unterschiedlicher Ausprägung immer eine Rolle:

  • Unglückliches Design der Anlage oder des Experimentes
  • menschliches Versagen oder härter ausgedrückt: Schlamperei
  • Versuch, die Öffentlichkeit über die Unfallauswirkungen zu täuschen

Die technischen Zusammenhänge und besonders die kernphysikalischen Vorgänge während des Unfalls sind teilweise sehr kompliziert. Im folgenden versuche ich, die bekannten Informationen über die Katastrophe so allgemeinverständlich wie möglich aufzubereiten.

Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang auch die HBO-Serie „Chernobyl“. Neben den ganzen geschichtlichen Zusammenhängen werden darin auch die technischen Hintergründe erstaunlich gut dargestellt. Besonders die Szene mit der Gerichtsverhandlung, in der Legassow das Gleichgewicht im Reaktor an einer einfachen Schautafel erklärt, ist sehr eindrucksvoll.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl befindet sich in der heutigen Ukraine, unweit von Kiew. Zum Zeitpunkt des Unglücks war die Ukraine Teil der Sowjetunion. Die Anlage umfasste vier betriebsbereite Blöcke und zwei weitere im Bau.

Ein Block bezeichnet dabei die funktionale Einheit aus Reaktor, Turbine, Stromgenerator und zugehörigen Systemen. Der Unfall ereignete sich im Block 4 des Kraftwerks.

Es war jedoch nicht der erste Zwischenfall in Tschernobyl. Bereits am 1. September 1982 kam es in Block 1 zu einer Überhitzung und Zerstörung eines Brennelements infolge eines Bedienfehlers, wobei Radioaktivität freigesetzt wurde.

Block 2 wies zudem über längere Zeit ein Leck im Abklingbecken auf, aus dem radioaktiv kontaminiertes Wasser austrat. Im Jahr 1991 ereignete sich in Block 2 eine Wasserstoffexplosion, woraufhin dieser Block endgültig stillgelegt wurde.

Reaktor

In Block 4 des Kraftwerks kam ein Reaktor des Typs RBMK-1000 zum Einsatz. RBMK-Reaktoren sind in drei verschiedenen Modellen verfügbar, wobei im Unglücksreaktor das kleinste Modell dieser Baureihe installiert war. Die Zahl „1000“ im Namen bezieht sich auf die elektrische Leistung von 1.000 Megawatt (MW), während die thermische Leistung des Reaktors 3.200 MW betrug. Daraus ergibt sich ein Wirkungsgrad von etwa 31,25 %, was bedeutet, dass knapp ein Drittel der erzeugten Wärmeleistung in elektrische Energie umgewandelt wurde und der Rest als Abwärme verloren ging.

Der RBMK-1000 ist ein graphitmoderierter Druckröhrenreaktor, der als Siedewasserreaktor arbeitet. Das Herzstück des Reaktors bildete ein zylinderförmiger Graphitblock mit einem Durchmesser von 11,8 Metern und einer Höhe von 7 Metern. Dieser Graphitblock war von zahlreichen Kanälen durchzogen, die sowohl der Kühlung als auch der Aufnahme der Brennelemente dienten. Graphit, eine Form des Kohlenstoffs, ist brennbar und wird unter anderem in Bleistiftminen verwendet. Im Reaktor diente Graphit als Moderator, da für die Kernspaltung langsame, sogenannte thermische Neutronen benötigt werden. Bei der Spaltung von Urankernen entstehen jedoch schnelle Neutronen, und der Moderator hat die Aufgabe, diese Neutronen abzubremsen.

Der Reaktorkern war von Röhren durchzogen, die mit Wasser gefüllt waren und die Brennelemente umschlossen. Die durch die Kernspaltung erzeugte Wärme brachte das Wasser zum Sieden (daher Siedewasserreaktor), und der entstandene Dampf wurde direkt zur Turbine geleitet, um einen Stromgenerator anzutreiben. Nach Durchströmen der Turbine wurde der Dampf wieder zu Wasser kondensiert und mithilfe elektrischer Pumpen in den Reaktor zurückgeführt. Die Steuerung der Reaktorleistung erfolgte über Regelstäbe aus Borcarbid, einem keramischen Material mit neutronenabsorbierenden Eigenschaften. Diese Regelstäbe konnten von oben und unten in spezielle Kanäle im Reaktorkern eingefahren werden. Beim Einfahren der Regelstäbe wurden freie Neutronen absorbiert, wodurch die Kettenreaktion verlangsamt oder gestoppt wurde. Umgekehrt erhöhte das Herausziehen der Regelstäbe die Anzahl freier Neutronen und somit die Reaktorleistung. Interessanterweise bestanden die Spitzen der Regelstäbe nicht vollständig aus Borcarbid, sondern aus Graphit, also dem gleichen Material, das auch als Moderator diente.

Vorteile dieser Bauweise

Skalierbarkeit

Der größte Vorteil dieser Bauweise ist die Skalierbarkeit.

Bei einem „normalen“ Siedewasserreaktor oder einem Druckwasserreaktor besteht der Reaktorbehälter aus einem zylindrischen Mittelteil, einem gewölbten Boden und einem Deckel. So ein Reaktorbehälter kann nicht beliebig vergrößert werden. Je größer der Behälter ist, desto dickwandiger muss er sein. Je dickwandiger die Teile sind, desto schwieriger sind diese zu schweißen. Außerdem ist der Transport von großen Bauteilen schwierig.

Man kann einen Druckröhren-Reaktor relativ einfach vergrößern. Der nicht unter Druck stehende Körper aus Graphit muss vergrößert und die Anzahl der Druckröhren muss erhöht werden. Die mechanische Belastung in den Druckröhren ändert sich dadurch nicht.

Diese Bauweise eignet sich deswegen besonders für große Leistungsreaktoren. Der Unglücksreaktor in Tschernobyl (RBMK-1000) war mit 3.200 MW thermische Leistung der kleinste der Baureihe. Der RBMKP-2400 hat mit 6.500 MW mehr als die doppelte thermische Leistung. Zum Vergleich: Der leistungsstärkste Reaktor in Deutschland war der Druckwasserreaktor Isar II mit einer thermischen Leistung von 3.950 MW.

Brennelementwechsel

Der Brennelementwechsel ist während des laufenden Betriebs möglich. Alle anderen kommerziell genutzten Reaktortypen müssen zum Brennelementwechsel heruntergefahren und geöffnet werden.

Es können ein paar Brennelemente ausgetauscht werden und der Reaktor kann während dessen trotzdem weiterlaufen und Energie erzeugen. Das verringert die Stillstandszeiten und vergrößert damit die Wirtschaftlichkeit.

Außerdem ist es einfacher möglich, die Brennelemente dann zu entnehmen, wenn maximal viel Plutonium-239 enthalten ist. Das kann dann in einer Wiederaufbereitungsanlage aus den Brennelementen heraus gelöst werden und beispielsweise zum Bau von Kernwaffen verwendet werden.

Nachteile der Bauweise

Dampfblasenkoeffizient

Der Reaktortyp hat einen positiven Dampfblasenkoeffizient. Das macht diese Bauweise gefährlich.

Wenn Wasser unter Druck steht, dann kann es sehr viel heißer als 100°C werden, ohne dass es verdampft. Wenn man dann aber den Druck vermindert, bilden sich überall im Wasser kleine Dampfblasen.

Das Wasser dient in diesem Reaktortyp nur als Kühlmittel. Es fängt aber auch einen Teil der Neutronen ein.

Wenn sich im Wasser Dampfblasen bilden, dann fängt das Kühlmittel weniger Neutronen ein, weil sich die Dichte verringert. Der Graphit-Moderator bremst diese dann auf eine geringere Geschwindigkeit ab. Diese langsamen Neutronen können weitere Uran-Atome spalten. Es kommt dann zu einer Steigerung der thermischen Leistung des Reaktors.

Führt die Bildung von Dampfblasen zu einer Leistungssteigerung des Reaktors, dann spricht man von einem positiven Dampfblasenkoeffizient.

Bei den meisten anderen kommerziell genutzten Reaktoren sinkt die thermische Leistung bei der Bildung von Dampfblasen. Diese Reaktoren haben einen negativen Dampfblasenkoeffizient.

Wenn bei einem Reaktor mit positiven Dampfblasenkoeffizient ein Leck im Kühlkreislauf auftritt, dann sinkt der Druck und es bilden sich Dampfblasen. Die Reaktorleistung steigt an. Es muss dann sehr schnell gegengesteuert werden um einen Unfall zu vermeiden.

Der positive Dampfblasenkoeffizient war eine von mehreren Ursachen, die zur Katastrophe in Tschernobyl führten.

Viele Schweißnähte

Die vielen Druckröhren müssen jeweils oben und unten mit Sammelleitungen verschweißt werden. Es sind deswegen sehr viele Schweißnähte notwendig. Schweißnähte sind immer Schwachstellen in einer Konstruktion.

Brennbares Graphit

Der Reaktor besteht im Wesentlichen aus einem großen Zylinder aus Graphit. Diese Modifikation des Kohlenstoffs ist, wie jeder andere Art des Kohlenstoffs auch, brennbar. Der Graphit-Brand im Unglücksreaktor führte zu einer weiträumigen Verteilung von radioaktiven Material.

Radioaktive Aktivierung der Turbine

Wie andere Typen von Siedewasserreaktoren auch, hat der RBMK-1000 nur einen Wasserkreislauf. Das radioaktiv belastete Wasser aus dem Reaktorkern strömt direkt durch die Turbine.

Der Vorteil davon ist der höhere thermische Wirkungsgrad und der einfachere Aufbau.

Ein Leck an der Turbine würde zum Ausströmen von radioaktiv belasteten Dampf führen.

Außerdem werden die mit dem Dampf in Berührung kommenden Bauteile mit der Zeit radioaktiv aktiviert. Nach Betriebsende der Anlage entsteht so eine sehr große Menge an schwach radioaktiven Schrott.

Hergang des Unfalls

Der katastrophale Unfall im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 während eines Sicherheitsexperiments und nicht im regulären Betrieb. Ziel dieses Versuchs war es, den Energiebedarf der Kühlmittelpumpen im Falle eines Ausfalls der externen Stromversorgung zu untersuchen.

Für den Betrieb des Reaktors ist eine kontinuierliche Kühlung unerlässlich, um eine Überhitzung des Reaktorkerns zu verhindern. Normalerweise wurden die Kühlwasserpumpen über das öffentliche Stromnetz versorgt. Bei einem möglichen Ausfall dieses Netzes wäre eine Schnellabschaltung des Reaktors erfolgt. Jedoch erzeugt auch ein schnell abgeschalteter Reaktor weiterhin Nachzerfallswärme, die abgeführt werden muss. Daher verfügte das Kraftwerk über Notstromaggregate in Form großer Dieselmotoren. Diese benötigten jedoch eine gewisse Anlaufzeit. Das Experiment sollte klären, ob die kinetische Energie der auslaufenden Turbine und des Generators nach einer Schnellabschaltung ausreichen würde, um die Kühlmittelpumpen während dieser Überbrückungszeit mit Strom zu versorgen.

Um das Experiment durchzuführen, wurde das Notkühlsystem des Reaktors bewusst deaktiviert. In der Vorbereitungsphase wurde die Reaktorleistung zunächst stark reduziert, wobei der Reaktor für eine kritische Zeit in einem unzulässigen Leistungsbereich von unter 20 % seiner Nennleistung betrieben wurde.

Ein bedeutender Faktor bei diesem Leistungsniveau war die Anreicherung von Xenon-135, einem radioaktiven Edelgas, das als Spaltprodukt bei der Kernspaltung entsteht. Im Normalbetrieb wird dieses Xenon durch den Neutronenfluss wieder abgebaut. Bei geringer Reaktorleistung ist der Neutronenfluss reduziert, was zu einer verminderten Xenon-Vernichtung führt. Folglich reicherte sich eine größere Menge an Xenon-135 in den Brennelementen an.

Xenon-135 ist ein starker Neutronenabsorber und wird daher auch als „Neutronengift“ bezeichnet. Dieser Effekt wird als „Xenonvergiftung“ beschrieben. Die Anwesenheit von zu viel Xenon-135 im Reaktorkern führt zu einer Abnahme der Reaktivität des Reaktors, da weniger Neutronen für die Aufrechterhaltung der Kettenreaktion zur Verfügung stehen. In extremen Fällen kann dies dazu führen, dass der Reaktor für eine gewisse Zeit nicht wieder hochgefahren werden kann, bis das Xenon-135 durch radioaktiven Zerfall abgebaut ist.

Um der drohenden Xenonvergiftung entgegenzuwirken, versuchte die Betriebsmannschaft, die Reaktorleistung wieder zu steigern, indem sie die Regelstäbe weiter ausfuhr. Trotz dieser Maßnahme konnte die Leistung lediglich auf etwa 7 % der Nennleistung erhöht werden, was weit unter dem zulässigen Minimum von 20 % lag. Dennoch wurde der Reaktor nicht abgeschaltet, und das Experiment wurde fortgesetzt.

Etwa 20 Minuten vor dem kritischen Zeitpunkt wurden zwei zusätzliche Hauptkühlmittelpumpen in Betrieb genommen. Dies führte zu einer verstärkten Kühlung des Reaktorkerns und zum Abbau von Dampfblasen, die sich möglicherweise gebildet hatten. Der Reaktortyp RBMK-1000 besitzt einen positiven Dampfblasenkoeffizienten. Weniger Dampfblasen bedeuten also eine Abnahme der Reaktivität des Reaktors. Die automatische Reaktorsteuerung reagierte darauf mit den Ausfahren weiterer Regelstäbe und verschob den Reaktorzustand weiter in den nicht zulässigen Bereich.

Vierzig Sekunden vor der rapiden Leistungssteigerung (Leistungsexkursion) begann der eigentliche Test. Die Ventile zur Turbine wurden geschlossen. Die Turbine sollte nun allein durch ihre Trägheit weiterlaufen und dabei Strom für die Kühlmittelpumpen erzeugen.

Durch das Schließen der Turbinenventile stieg die Temperatur im Reaktorkern an, was zur Bildung von mehr Dampfblasen führte. Aufgrund des positiven Dampfblasenkoeffizienten resultierte dies in einer erhöhten Reaktivität und einer damit einhergehenden Leistungssteigerung des Reaktors. Die automatische Reaktorsteuerung versuchte, dies durch das Einfahren der Steuerstäbe zu kompensieren. Dieser Prozess verlief jedoch zu langsam, um der rapiden Leistungszunahme entgegenzuwirken. Der Reaktorkern erhitzte sich weiter, und es entstanden noch mehr Dampfblasen, was die Reaktivität und somit die Leistung weiter exponentiell ansteigen ließ. Der immer intensiver werdende Neutronenfluss führte zudem zu einem beschleunigten Abbau des Xenon-135, wodurch die Reaktivität des Reaktors noch weiter zunahm.

Vier Sekunden vor der katastrophalen Leistungsexkursion löste der Schichtleiter eine manuelle Notabschaltung aus. Dies sollte dazu führen, dass alle Regelstäbe schnell in den Reaktorkern eingefahren werden.

Jedoch wiesen die Regelstäbe eine Konstruktionsschwäche auf: Ihre Spitzen bestanden aus Graphit, einem Material, das als Moderator wirkt und Neutronen verlangsamt, was die Wahrscheinlichkeit einer Kernspaltung erhöht. Beim gleichzeitigen Einfahren aller Regelstäbe führte dies zunächst zu einem kurzzeitigen massiven Anstieg der Anzahl thermischer Neutronen im unteren Bereich des Reaktorkerns. Die Leistung des Reaktors stieg dadurch in Sekundenbruchteilen auf das Hundertfache des normalen Betriebswertes an. Das Wasser im Reaktor verdampfte schlagartig, was die Leistung aufgrund des positiven Dampfblasenkoeffizienten noch weiter erhöhte. Dieser unkontrollierte Anstieg der Reaktorleistung wird als Leistungsexkursion bezeichnet.

Es folgten mehrere heftige Explosionen. Die Druckröhren, die die Brennelemente enthielten, platzten. Der extreme Druck und die Hitze führten zu einer Verformung des Reaktorkerns, wodurch die Regelstäbe nicht mehr vollständig eingefahren werden konnten.

Die Brennstäbe in diesem Reaktortyp bestanden üblicherweise aus Zirkoniumlegierungen. Aufgrund der extremen Leistungsexkursion erhitzten sich diese Rohre extrem stark. Der in Kontakt mit den Brennelementen stehende Wasserdampf spaltete sich in Wasserstoff und Sauerstoff auf (Thermolyse). Der freigesetzte Sauerstoff reagierte weiter mit dem Kohlenstoff des Graphitblocks zu Kohlenstoffmonoxid. Zusammen mit dem Sauerstoff der Luft bildete sich unter dem etwa 1.000 Tonnen schweren Reaktordeckel ein hochexplosives Gasgemisch. Es kam zu einer zweiten, noch heftigeren Explosion, die wahrscheinlich zum Abheben des Reaktordeckels führte.

Die Halle, in der sich der Reaktor befand, wurde durch die Explosionen ebenfalls schwer beschädigt. Es handelte sich um eine vergleichsweise einfache Industriehalle und nicht um ein robustes, sicherheitsrelevantes Containment, wie es bei vielen anderen Reaktortypen üblich ist.

Der nun freigelegte, extrem heiße Reaktorkern lag offen an der Luft. Dies führte zur Entzündung des Graphits, das etwa zehn Tage lang brannte und dabei schätzungsweise 250 Tonnen an Masse verlor. Durch dieses intensive Feuer wurden enorme Mengen an radioaktiven Spaltprodukten aus den zerstörten Brennstäben hoch in die Atmosphäre transportiert, was zur großflächigen Ausbreitung der radioaktiven Wolke führte.

Die Explosionen schleuderten zudem glühend heiße Teile des Reaktors in die Umgebung und verursachten dort Brände, die am frühen Morgen des 26. April von der Werksfeuerwehr gelöscht wurden. Die eingesetzten Feuerwehrleute waren dabei extrem hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt.

Am Morgen des 26. Aprils wurde der benachbarte Block 3 des Kraftwerks vorsorglich abgeschaltet. Die Blöcke 1 und 2 blieben zunächst noch bis zum 27. April in Betrieb.

Am 27. April begannen die ersten großangelegten Gegenmaßnahmen zur Eindämmung des brennenden Reaktors. Es wurde versucht, den offenen Reaktorkern aus der Luft mit einer Mischung aus Blei, Bor, Dolomitsand und Lehm zu bedecken. Das Hauptziel dieser Maßnahme war es, den Brand zu ersticken und die Freisetzung weiterer radioaktiver Stoffe zu minimieren. Das Blei sollte die intensive Gammastrahlung abschirmen, während das Bor die möglicherweise noch ablaufenden nuklearen Kettenreaktionen unterbinden sollte.

Diese Materialien wurden mit Hubschraubern über dem Reaktor abgeworfen. Die Besatzungen der Hubschrauber waren dabei extrem hohen Strahlendosen ausgesetzt. Bei einem der Einsätze berührte ein Hubschrauber mit seinen Rotorblättern einen Baukran und stürzte ab, wobei die Besatzung ums Leben kam. Insgesamt wurden etwa 1.800 Hubschrauberflüge durchgeführt.

Am Morgen des 28. April registrierten Sensoren in einem etwa 1.200 Kilometer entfernten schwedischen Kernkraftwerk eine erhöhte Radioaktivität. Zunächst wurde die Ursache im eigenen Kraftwerk vermutet, doch bald stellte sich heraus, dass dort alles in Ordnung war. Aufgrund der Windrichtung wurde dann ein Unfall in einer sowjetischen kerntechnischen Anlage vermutet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die sowjetischen Behörden den Unfall der Öffentlichkeit verschwiegen.

Am Abend des 28. Aprils wurde im sowjetischen Fernsehen erstmals über die Katastrophe berichtet.

Durch die intensiven Löscharbeiten hatte sich unter dem Reaktorkern eine erhebliche Menge an kontaminiertem Löschwasser angesammelt. Wäre dieses Wasser mit dem geschmolzenen Reaktorkern, der nun eine hochradioaktive, zähflüssige Masse bildete, in Kontakt gekommen, hätte dies zu einer schweren Dampfexplosion führen können. Um diese Gefahr zu bannen, musste die Feuerwehr aus der nahegelegenen Stadt Prypjat das stark radioaktive Wasser abpumpen.

Um zu verhindern, dass sich die extrem heiße, lavaähnliche Masse des Reaktorkerns durch das Fundament frisst und in das Erdreich eindringt, wurde vom benachbarten Block 3 aus ein Tunnel unter den havarierten Block 4 gegraben. Unter dem Reaktor wurde ein Hohlraum ausgehoben. Ursprünglich war geplant, in diesem Hohlraum eine Kühlanlage zu installieren. Letztendlich wurde der Hohlraum jedoch mit Beton verfüllt, um ein weiteres Absinken des geschmolzenen Materials und eine mögliche Kontamination des Grundwassers zu verhindern. Ein Kontakt mit dem Grundwasser hätte zu einer Dampfexplosion führen können, die möglicherweise noch größere Schäden verursacht und das Grundwasser großflächig und langfristig verseucht hätte.

Ab dem 4. Mai wurde Stickstoffgas unterhalb des Reaktors eingeblasen, um das weiterhin brennende Graphitfeuer zu ersticken. Diese Maßnahme war am 6. Mai schließlich erfolgreich und trug maßgeblich zur Reduzierung der Freisetzung radioaktiver Partikel bei.

Mit dem erfolgreichen Löschen des Graphitfeuers war die akute Phase der Katastrophe beendet. Die nachfolgenden Maßnahmen konzentrierten sich auf die langfristige Eindämmung der Auswirkungen des Unfalls.

Der stark radioaktive Reaktorkern stand weiterhin in Verbindung mit der Atmosphäre und setzte kontinuierlich radioaktive Partikel frei. Die direkte radioaktive Strahlung in der Nähe des Kraftwerks war extrem hoch und lebensgefährlich. Um diese Gefahren zu mindern, wurde das zerstörte Reaktorgebäude mit einer neuen, massiven Schutzstruktur aus Beton umhüllt, dem sogenannten Sarkophag.

Bevor mit dem Bau des Sarkophags begonnen werden konnte, mussten die Umgebung und insbesondere das Dach des Reaktorgebäudes von hochradioaktiven Trümmern und Fragmenten aus dem Reaktor befreit werden. Zunächst versuchte man, hierfür unbemannte Fahrzeuge einzusetzen. Die elektronischen Komponenten dieser Fahrzeuge erwiesen sich jedoch als nicht widerstandsfähig gegenüber der extrem hohen Strahlung und fielen aus. Daher blieb den Verantwortlichen keine andere Wahl, als Menschen für diese gefährliche Aufgabe einzusetzen. Diese Arbeiter wurden als Liquidatoren bezeichnet.

Um die gesundheitlichen Risiken für die Liquidatoren zu begrenzen, wurden sie jeweils nur für kurze Zeit in den hochkontaminierten Bereichen eingesetzt. Sie stiegen auf das Dach des Reaktorgebäudes und räumten mit einfachen Schaufeln Graphitstücke und Bruchstücke von Brennelementen zurück in das Innere des Reaktors. Jeder Arbeiter verbrachte in der Regel nur etwa 40 Sekunden auf dem Dach. Die Schutzausrüstung war notdürftig und bestand meist aus einer einfachen Bleischürze und einer improvisierten Atemmaske. Insgesamt wurden schätzungsweise 600.000 bis 800.000 Menschen, hauptsächlich Soldaten, als Liquidatoren eingesetzt. Die genauen Zahlen variieren je nach Quelle.

Viele der Liquidatoren erkrankten in der Folge an der akuten Strahlenkrankheit. Die genaue Zahl der Todesfälle und der Personen mit langfristigen Gesundheitsschäden ist nicht exakt bekannt, da die Datenlage unvollständig ist und viele Informationen lange Zeit unter Verschluss gehalten wurden.

Obwohl der Einsatz von Menschen zur manuellen Beseitigung hochradioaktiven Materials zunächst als unmenschlich erscheinen mag, kamen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass es zu diesem Zeitpunkt keine realistische Alternative gab. Ferngesteuerte Fahrzeuge, die der extremen Strahlung standhalten konnten, standen nicht zur Verfügung. Das Material musste schnell beseitigt werden, um den offenen Reaktor durch weitere Maßnahmen sichern zu können. Angesichts der Umstände war der Einsatz von mit einfachsten Mitteln ausgestatteten Menschen die einzige praktikable Lösung. Durch die extrem kurzen Einsatzzeiten konnten die unmittelbaren Auswirkungen der Strahlung für die Einzelnen begrenzt werden, sodass die meisten Liquidatoren den Einsatz zumindest überlebten. Allein die logistische Herausforderung, Hunderttausende von Menschen zum Unglücksort zu bringen und sie nach ihrem Einsatz medizinisch zu versorgen, war enorm.

Nach der provisorischen Reinigung des Geländes um Block 4 begann der Bau des Sarkophags. Dabei waren viele Improvisationen notwendig. Der Sarkophag wurde am 22. Dezember 1988 fertiggestellt und war als temporäre Schutzkonstruktion mit einer geschätzten Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren ausgelegt.

Im Jahr 1996 begannen die Planungen für eine neue, dauerhafte Schutzhülle, das New Safe Confinement (NSC). Dieses Bauwerk sollte für eine Nutzungsdauer von 100 Jahren konzipiert werden und die Voraussetzungen für den sicheren Rückbau des zerstörten Reaktorblocks schaffen.

Das NSC wurde neben dem alten Sarkophag errichtet und nach seiner Fertigstellung über diesen geschoben, um die Strahlenbelastung für die Arbeiter während des Rückbaus zu minimieren. Am 24. April 2019, 33 Jahre nach dem Beginn der Katastrophe, wurde das NSC offiziell in Betrieb genommen.

Die aktuelle Situation auf dem Kraftwerksgelände erlaubt einen zeitlich begrenzten Aufenthalt unter Beachtung bestimmter Vorsichtsmaßnahmen, ohne dass unmittelbare gesundheitliche Schäden zu erwarten sind. Auch in der Sperrzone ist ein zeitlich begrenzter Aufenthalt mit entsprechenden Schutzmaßnahmen möglich. An ein normales Leben ist in dieser Region jedoch weiterhin nicht zu denken, und viele zukünftige Generationen werden sich noch mit den langfristigen Folgen des Unfalls auseinandersetzen müssen. Über 38 Jahre nach der Katastrophe sind die unmittelbaren Gefahren zwar eingedämmt, die Bewältigung der langfristigen Folgen ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen.

Zusammenfassung der Unfallursachen

Zwei Hauptursachen führten zu dem Unfall:

  1. Menschliches Versagen
  2. Schwerwiegende Konstruktionsmängeln des Reaktors

Die Bedienmannschaft fuhr den Reaktor längere Zeit in einem nicht zulässigen Bereich. Dafür verantwortlich war der stellvertretende Chefingenieur Anatoli Stepanowitsch Djatlow. Er wurde dafür auch gerichtlich verurteilt.

Die drei wichtigsten konstruktiven Schwächen des Reaktors von Typ RBMK waren:

  • Positiver Dampfblasenkoeffizient
  • Graphitspitzen an den Regelstäben
  • Fehlendes Containment

Die Konstruktionsmängel des Reaktortyps wurden in der Gerichtsverhandlung nicht berücksichtigt. Allerdings wurden bei den anderen baugleichen Reaktoren die Graphitspitzen an den Regelstäben entfernt.

2 Antworten auf „Was passierte in Tschernobyl?

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