Gorki ein Zentrum des Kalten Krieges
Die Stadt Gorki, heute als Nischni Nowgorod bekannt, war im sowjetischen Zeitalter ein Zentrum des militärisch-industriellen Komplexes. Als sogenannte „geschlossene Stadt“ war sie für Ausländer und unautorisierte Sowjetbürger gleichermaßen unerreichbar. Inmitten dieser geheimnisvollen Metropole, am Ufer der Wolga, befand sich die Werft 112, offiziell bekannt als die Krasnoye Sormovo Fabrik. Dieses Werk war entscheidend für den Aufbau der sowjetischen Marine. Dort wurden nicht nur Handelsschiffe und Tragflügelboote produziert, sondern vor allem auch atomgetriebene U-Boote.
Die Ära des Kalten Krieges war von einem gnadenlosen technologischen Wettlauf geprägt. Die Sowjetunion strebte danach, mit den Vereinigten Staaten gleichzuziehen und sie in der Entwicklung neuer Atom-U-Boote zu überholen. Dieser Druck führte oft zu einer gefährlichen Verkürzung von Zeitplänen und einer Missachtung von Sicherheitsstandards. Die Geschichte des U-Boot-Unfalls vom 18. Januar 1970 ist eine direkte Folge dieser Prioritäten. Lange Zeit blieb das Ereignis der Welt verborgen. Es erzählt nicht nur von einem technischen Versagen, sondern auch von den menschlichen Tragödien, die in einem System stattfanden, das politische Ziele über das Leben seiner Bürger stellte. Der nachfolgende Bericht beleuchtet die Ereignisse, die Umstände und die weitreichenden Konsequenzen dieses vergessenen Unfalls, dessen Schatten bis heute reicht.
Die Umstände eines folgenschweren Unfalls
Im Zentrum des Geschehens stand die „K-302“, ein atomgetriebenes U-Boot der neuen Projekt 670 Skat-Klasse, die von der NATO als „Charlie I“ bezeichnet wurde. Dieser neue Typ von U-Booten sollte die Schlagkraft der sowjetischen Marine erheblich steigern. Sie waren speziell als Träger von Marschflugkörpern konzipiert, welche die damals fortschrittlichen P-70 Ametist Anti-Schiff-Raketen (NATO-Name: SS-N-7 Starbright) transportierten. Die Bauarbeiten an der K-302 begannen am 30. April 1968.
Um die notwendige Geschwindigkeit und Reichweite zu erzielen, wurde die K-302 mit einem einzelnen VM-4 Druckwasserreaktor ausgestattet, der 82,9 Megawatt thermische Leistung bereitstellte. Das U-Boot selbst war eine beeindruckende Maschine von 95 Metern Länge und 10 Metern Breite, mit einer Besatzung von 86 Offizieren und Mannschaftsmitgliedern.
Die tragischen Ereignisse des 18. Januar 1970 lassen sich bis zu einer politischen Entscheidung zurückverfolgen. Die sowjetische Führung wollte das U-Boot pünktlich zum 100. Geburtstag von Wladimir Lenin am 22. April 1970 fertigstellen. Dieser politisch motivierte Termin führte zu einem enormen Zeitdruck auf der Werft. Unter diesem Druck wurden Entscheidungen getroffen, die das Ausmaß des Unglücks massiv verstärkten.
Der unmittelbare Auslöser der Katastrophe war ein hydraulischer Drucktest des primären Kühlkreislaufs. Solche Tests sind ein Standardverfahren in der Kerntechnik. Sie dienen dazu, die Dichtigkeit und Festigkeit des Systems zu überprüfen, bevor es in Betrieb genommen wird. Jedoch wurde der Test bei der K-302 unter einer extremen Missachtung von grundlegenden Sicherheitsvorschriften durchgeführt. Der Reaktor war bereits mit Brennstäben beladen. Der übliche Ablauf sieht vor, dass ein solcher Test mit einem leeren Reaktorkern erfolgt. Indem man den Test mit bereits gefülltem Kern durchführte, hoffte man, den Bauprozess zu beschleunigen und den engen Zeitplan einzuhalten. Die Entscheidung, diesen massiven Sicherheitsverstoß zu begehen, war ein kalkuliertes, wenn auch verhängnisvolles Risiko. Das Unglück war daher kein Zufall, sondern eine direkte und vorhersehbare Folge einer systematischen Vernachlässigung der Sicherheit. Die politisch motivierte Eile führte zu einer fatalen Kette von Entscheidungen, die schließlich zur Katastrophe führten.
Der fatale Moment am 18 Januar 1970
Der Reaktor der K-302 war am 18. Januar 1970 in den Werfthallen in Gorki bereit für den Drucktest. Doch bei dem Versuch, den enormen Betriebsdruck von 253 Bar zu erreichen, wurde ein falsch montierter, provisorischer Steuerstab durch den Druckanstieg an den Reaktordeckel gestoßen. Augenblicklich brach eine unkontrollierte Kettenreaktion aus. Der Reaktor wurde prompt überkritisch und generierte für 10 bis 15 Sekunden die volle Leistung.
Der spontane Verdampfungsprozess hatte katastrophale Folgen. Ein rund 1,5 Meter langes Rohrstück des Primärkreislaufs wurde abgesprengt. Dieses Rohrstück durchschlug die Werfthallendecke und fiel hunderte Meter entfernt zu Boden. Eine gewaltige Fontäne aus Wasser und Dampf schoss aus dem beschädigten System. Die freigesetzte Energie war so enorm, dass sie sofortige Zerstörung in der unmittelbaren Umgebung anrichtete. Zwölf Werftarbeiter, die sich in der Nähe des Reaktors befanden, wurden unmittelbar durch den überhitzten Dampf getötet.
Die Tatsache, dass die Todesursache nicht primär Strahlung, sondern überhitzter Dampf war, ist ein bemerkenswertes Detail. Es verdeutlicht die plötzliche und gewaltsame Natur eines solchen Unfalls. Es war keine langsame Vergiftung durch Strahlung, sondern ein explosives Ereignis, das durch die unkontrollierte Reaktion ausgelöst wurde. Die unmittelbaren Opfer starben durch die immense thermische und mechanische Energie des Reaktors und nicht durch eine akute Strahlenkrankheit. Dieser Aspekt unterscheidet das Unglück von anderen Reaktorunfällen und unterstreicht die verheerende Gewalt der prompten Überkritikalität.
Die unsichtbare Wolke und die radiologische Ausbreitung
Der Unfall auf der Werft 112 hatte nicht nur sofortige, sondern auch weitreichende Folgen. Zusätzlich zu den zwölf sofortigen Todesopfern wurden zwischen 150 und 200 weitere Arbeiter unmittelbar kontaminiert. Manche Quellen sprechen sogar von über 1000 Arbeitern, die „stark erhöhten Strahlenwerten“ ausgesetzt waren.
Die radioaktive Kontamination beschränkte sich nicht nur auf die unmittelbare Unfallstelle. Obwohl der Großteil der radioaktiven Stoffe in der Montagehalle verblieb, entwich eine Wolke aus radioaktiven Gasen und Partikeln, die bis zu 2.000 Menschen in der Umgebung der Werft kontaminierte. Dieses Ereignis verdeutlicht die Gefahr eines nuklearen Unfalls in einem dicht besiedelten städtischen Gebiet.
Ein besonders alarmierendes Detail der Ereignisabfolge offenbart die skrupellose Herangehensweise der sowjetischen Behörden. Nachdem der Reaktor stillgelegt worden war, wurde der Kern am nächsten Tag mit Stickstoff gespült. Dieses Vorgehen sollte den Reaktor reinigen und ihn für weitere Arbeiten vorbereiten. Dabei wurden jedoch schätzungsweise 1,5 Megacurie (55 Petabecquerel) radioaktiver Substanzen über einen Entlüftungsschacht in die Umwelt abgegeben. Dieses Vorgehen war keine Unfallfolge mehr, sondern eine bewusste Freisetzung von radioaktivem Material, um die Produktionsstätte schnell wieder einsatzbereit zu machen. Es zeigt eine klare Prioritätensetzung. Die Rettung des Projekts und die Einhaltung des Zeitplans waren den Behörden wichtiger als die Gesundheit und Sicherheit der Öffentlichkeit. Dieses Handeln ist ein deutliches Beispiel für das Desinteresse des sowjetischen Systems am Wohlergehen seiner Bürger, die als Kollateralschäden der technologischen und politischen Ambitionen betrachtet wurden.
Die Mauer des Schweigens und der vertuschte Unfall
Die wohl gravierendste Konsequenz des Unfalls war die darauffolgende Vertuschung. Der gesamte Vorfall wurde von den sowjetischen Behörden geheim gehalten. Weder die Weltöffentlichkeit noch die betroffene Bevölkerung wurden über die wahren Ausmaße der Katastrophe informiert.
Um die Spuren zu verwischen, wurden drastische Maßnahmen ergriffen. Die Werfthalle und zwei weitere U-Boote der gleichen Klasse, die sich in der Halle befanden, mussten umfassend dekontaminiert werden. Die Dekontamination der Halle und des Werftgeländes zog sich bis in den April 1970 hin. Das beschädigte U-Boot, K-302, wurde umbenannt und erhielt die neue Bezeichnung K-320. Der irreparabel beschädigte Reaktorbereich musste vollständig ausgetauscht werden. Am 15. September 1971, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Unfall, wurde die K-320 in Dienst gestellt und diente danach noch über zwei Jahrzehnte in der sowjetischen Marine. Die Umbenennung des U-Bootes ist ein symbolischer Akt, der den Versuch der Vertuschung auf den Punkt bringt. Das U-Boot selbst sollte als physischer Beweis des Unglücks aus dem historischen Gedächtnis getilgt werden.
Die Geheimhaltung war in der Sowjetunion der 1970er-Jahre die Regel. Der Unfall in Gorki ereignete sich jedoch in einer Zeit, in der das Regime noch eine strikte Geheimhaltung praktizierte. Während der Ära von Glasnost in den späten 1980er-Jahren begannen einige Informationen über Atomunfälle, wie das Sinken der Komsomolets, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Die bis heute bestehenden Widersprüche und Unklarheiten in den verfügbaren Informationen zum Unglück sind eine direkte Folge dieser jahrzehntelangen Geheimhaltung. Das Fehlen von offiziellen, unabhängigen Berichten macht eine lückenlose Rekonstruktion bis heute schwierig. Da Berichte über die beiden separaten Unfälle innerhalb weniger Monate durch die Geheimhaltung der Sowjetunion verdeckt wurden, verschmolzen sie in der westlichen Berichterstattung zu einem einzigen, unübersichtlichen Vorfall. Die Aufklärung dieser Details ist ein wichtiger Schritt, um die Geschichte präzise und differenziert zu verstehen.
Opfer und Konsequenzen im kritischen Licht
Die genaue Anzahl der Opfer des Unfalls in Gorki ist bis heute Gegenstand widersprüchlicher Angaben. Offizielle Zahlen sind spärlich und unzuverlässig. Eine vergleichende Analyse der vorliegenden Daten verdeutlicht die Diskrepanzen.
| Kennzahl | Angabe |
| Sofortige Todesopfer | 12 |
| Direkt kontaminierte Arbeiter | 150-200 |
| Betroffene im Umkreis der Werft | bis zu 2000 |
| Arbeiter mit erhöhter Strahlenexposition | über 1000 |
Trotz der unterschiedlichen Angaben ist klar, dass der Unfall eine beträchtliche Anzahl von Menschen in Mitleidenschaft zog. Die langfristigen gesundheitlichen Folgen für die Überlebenden bleiben weitgehend unbekannt, da die sowjetischen Behörden keine systematischen Studien veröffentlichten. Der genaue Umfang der langfristigen Schäden bleibt aufgrund der Geheimhaltung für immer eine offene Frage.
Der Unfall von Gorki war nicht nur eine Einzelkatastrophe, sondern ein Glied in einer Kette von Unglücken in der sowjetischen Marine. Die spärlichen Informationen, die während des Kalten Krieges durchsickerten, führten oft zu Verwirrung. So wurde der Reaktorunfall der K-320 gelegentlich mit dem Sinken des U-Boots K-8 verwechselt, das ebenfalls 1970 geschah, jedoch unter völlig anderen Umständen. Die genauen Unterschiede zu klären ist entscheidend, um eine korrekte historische Einordnung vorzunehmen.
Die Verwechslung zweier U-Boot-Unglücke
Die sowjetischen Marineunfälle des Jahres 1970 sind ein exemplarisches Beispiel für die Verwirrung, die aus staatlicher Geheimhaltung resultiert. Der Reaktorunfall in Gorki und das Sinken des U-Bootes K-8 im Atlantik wurden in der westlichen Presse und in späteren Berichten häufig miteinander vermischt oder verwechselt. Es handelt sich um zwei separate Tragödien. Die K-8 war ein U-Boot der November-Klasse mit zwei VM-A-Kernreaktoren, das im April 1970 während einer Übung in der Biskaya sank. Der Hauptgrund für den Untergang war ein Brand, der in zwei Abteilungen gleichzeitig ausbrach. Beim Versuch, das Boot zu bergen, kamen 52 Seeleute ums Leben. Die K-8 war das erste atomgetriebene U-Boot der Sowjetunion, das auf See verloren ging.
Der Unfall der K-320 in Gorki ereignete sich bereits drei Monate zuvor. Er hatte seine Ursache in einer unkontrollierten nuklearen Kettenreaktion während des Baus. Die Opfer waren primär Werftarbeiter, nicht die Besatzung des U-Bootes. Der Unterschied in Ursache und Ort ist von fundamentaler Bedeutung.
Die folgende Tabelle verdeutlicht die klaren Unterschiede zwischen den beiden Ereignissen.
| Merkmal | K-320 (Gorki) | K-8 (Biskaya) |
| U-Boot-Bezeichnung | K-320 (ehemals K-302) | K-8 |
| Klasse | Charlie-I-Klasse (Projekt 670) | November-Klasse |
| Datum des Unfalls | 18. Januar 1970 | 8. bis 12. April 1970 |
| Ort des Unfalls | Werft 112, Gorki (Russland) | Atlantik, Biskaya |
| Ursache des Unfalls | Reaktorunfall (Prompt-Überkritikalität) | Brand an Bord |
| Todesopfer | 12 sofortige Todesopfer, weitere kontaminierte Arbeiter | 52 Todesopfer |
Die Tatsache, dass Berichte über zwei separate Unfälle innerhalb weniger Monate in der Geheimhaltung des sowjetischen Staates verloren gingen, führte dazu, dass sie in der westlichen Berichterstattung zu einem einzigen, verworrenen Vorfall verschmolzen. Die Aufklärung dieser Details ist ein wichtiger Schritt, um die Geschichte präzise und differenziert zu verstehen.
Fazit und ein Mahnmal der Geschichte
Der Reaktorunfall auf der Werft 112 in Gorki ist eine tragische Fallstudie. Er offenbart die Gefahren eines technologischen Wettlaufs, in dem Sicherheit dem politischen Kalkül untergeordnet wird. Die Ursachen des Unglücks waren keine zufälligen Fehler, sondern direkte Folgen eines Zeitdrucks, der zu vorsätzlicher Missachtung von Sicherheitsbestimmungen führte. Das Unglück war daher nicht unvermeidbar.
Die Konsequenzen des Unfalls gehen weit über die unmittelbaren Opfer hinaus. Die systematische Vertuschung durch den sowjetischen Staat betraf nicht nur die Opfer selbst, sondern auch Tausende von Menschen in der Umgebung, die radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren und deren Schicksal jahrzehntelang verschwiegen wurde. Die genaue Anzahl der Langzeitkranken und derer, die später an den Folgen starben, bleibt unbekannt.
Das U-Boot, dessen Unfall vertuscht werden sollte, wurde umbenannt und setzte seinen Dienst fort, während die Geschichten seiner Opfer unter einem Schleier des Schweigens begraben blieben. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden Details über dieses und andere Unglücke bekannt. Die tragische Geschichte des Gorki-Unglücks steht als eindringliches Mahnmal für die Gefahren staatlich verordneter Geheimhaltung und unterstreicht die fundamentale Bedeutung von Transparenz und Verantwortlichkeit in der Kerntechnik und in allen technologischen Unternehmungen.
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